Nahtoderfahrung als Forschungsgegenstand

Das Phänomen der Nahtoderfahrung (NTE) und/oder der Todesnäheerfahrung (TNE) wird aus unterschiedlichsten  Perspektiven erfasst und wird, da es sich auch um ein ganz persönliches Erlebnis handelt, in einen subjektiven Kontext eingebunden. Bücherhandlungen verfügen nicht selten über eine Vielzahl von Berichten von Nahtoderfahrungen, die meistens aus der Sicht der betroffenen Person geschildert werden. Dabei ist nicht nur das Erlebnis massgebend, sondern auch dessen Interpretation, die einen Grossteil der Aufarbeitung der Erfahrung ausmacht.

Der folgende Überblick umreisst die grundsätzlichen Forschungsergebnisse und die damit verbundenen Herausforderungen und Zusammenhänge. Unter den Literaturhinweisen finden sich weitere Informationen zu den Forschern und ihren Werken.

Nahtoderfahrungen finden sich in der Literatur, sie kommen auch in unterschiedlichsten Kulturkreisen vor und scheinen daher ein universelles Phänomen zu sein. Auch Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen beschäftigen sich mit dem Thema.

Die Erforschung der Nahtoderfahrung – unterschiedliche Herangehensweisen

SinnfragenEine Nahtodererfahrung wirft immer Fragen nach dem Tod, nach dem eigenen Leben auf. Betroffene sind mit diesem Thema durch dieses Erlebnis unmittelbar konfrontiert. Es ist daher nur mehr verständlich, dass sich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt stellt: Ist ein Nahtoderlebnis ein Hinweis darauf, dass es ein Leben nach dem Tod gibt? Wie muss das Nahtoderlebnis infolgedessen gewertet werden? Was bedeutet es für die eigene Persone, für das Individuum und für die Gesellschaft?

  1. Religiöse Erklärungen: Der verständlichste Erklärungsversuch befindet sich also auf der religiösen oder auch ontologischen Ebene. Man beschäftigt sich also damit, inwiefern das Erlebnis der “Wahrheit” entspricht, beziehungsweise, inwiefern es etwas über die “Wahrheit” aussagen kann. Damit versteht sich von selbst, dass eine christliche Sicht das Erlebnis im auch im christlichen Sinne deutet: die Interpretationsmuster können so vielfältig sein wie die Religionen selbst. Der wichtigste Punkt macht also die Frage aus, ob und was eine Nahtoderfahrung über den Tod, das Sterben und vor allem über ein Leben nach dem Tod aussagen kann.
  2. Naturwissenschaftliche, skeptische Erklärungen: Die Naturwissenschaft geht davon aus, dass Körper und Geist untrennbar miteinander vereint sind. Aus dieser Logik heraus ergibt sich auch, dass religiöse Erklärungen im Grunde genommen ausgeschlossen sind. Es wird davon ausgegangen, dass es rationale Erklärungen für das Phänomen geben muss, die gegebenenfalls einfach noch nicht erforscht sind. Man nimmt häufig an, dass es ganz natürlich, biochemische Reaktionen und Sinneswahrnehmungen sind, die diese Visionen im Rahmen einer Nahtoderfahrung provozieren.
  3. Wertfreie, neutrale Erklärungen (agnostisch): Die Sozialwissenschaft interessiert sich nicht so sehr für die “Wahrheit”, da sie sich offenkundig nicht mit Bestimmtheit finden lässt – zumindest nicht mit den Erkenntnissen und Methoden, die heute zur Verfügung stehen. Der Fokus der Sozialwissenschaftler konzentriert sich viel mehr auf die soziale Bedeutung dieser Nahtoderlebnisse und untersucht das Phänomen dahingehend, ob und wie im Verlaufe der Geschichte darüber berichtet wird und welche Bedeutung diese Erlebnisse für die Menschen – für den Betroffenen aber auch für sein unmittelbares und mittelbares Umfeld – hat.

“Neutralität” und „Transparenz“ in der Forschung

Somit ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung insbesondere bei wissenschaftlich noch nicht ausführlich untersuchten Phänomenen wie das der Nahtoderfahrung der persönliche Bezug des Forschers von äusserst grosser Wichtigkeit. Die religiöse oder anti-religiöse Haltung des Forschers kann bei unterschiedlich interpretierbaren Sachverhalten einen wesentlichen Einfluss haben. Diesem Einfluss kann sich der Forscher unter Umständen nicht einmal bewusst sein und sich dessen vielleicht auch nicht entziehen.

Auch wenn man sich einig ist, dass eine ausschliesslich objektive Deutung ausgeschlossen ist, steht der persönliche Bezug bei Themen wie Religion und persönliche Überzeugung im Hinblick auf wissenschaftlich nicht abschliessend erklärbare Themen besonders im Zentrum. Diese Tatsache zeigt sich auch in Bezug auf die bisherigen Forschungsarbeiten. Die persönliche Überzeugung des Forschers ist immer ausschlaggebend für die Schlussfolgerung.

Aus diesem Grunde ist die transparente Dokumentation der Forschungsergebnisse eine der ausschlaggebenden Qualitätsmerkmale: Zu welchem Thema wurden welche Personen befragt, was ist der kulturelle Hintergrund der Befragten, was waren die äusseren Umstände des Interviews, wie, wann und wo wurden die Interviews erfasst (z.B. Fragebogen mit vorgegebenen Auswahlmöglichkeiten oder persönliche Interviews). Es ist auch eine nicht zu vergessende Tatsache, dass jedes Forschungsprojekt, jede Datenerhebung eine Momentaufnahme ist. Die Daten alleine können – sollte es nicht im Rahmen einer Langzeitstudie angesiedelt sein – keine Aussage darüber machen, wie es später aussehen wird. Sie kann höchstens Bezüge zur Vergangenheit machen.

Der Mensch erforscht sich selbst

Sowie jedes Ereignis und jedes Erlebnis im Verlaufe des bisherigen Lebens einen prägt, wie man die Welt und sein Umfeld sieht und wahrnimmt, kann auch ein derart intensives Ereignis wie eine Nahtoderfahrung in deren Wertung und Interpretation von der bisherigen Prägung abhängen. Das ist eine grundsätzliche Herausforderung, wenn man solche Themen erforschen möchte. Letztendlich kommt man bei der Erforschung solcher Themen nicht umhin, sich mit dem Dilemma zu befassen, dass sich der Mensch selber erforschen möchte: Gerade wenn es darum geht, wie Visionen einer Nahtoderfahrung entstehen können, braucht es medizinische Grundannahmen, die besagen, wann ein Mensch wirklich tot ist. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, dass man von „Tod“ sprechen kann? Welche Hirnaktivitäten müssen eingestellt sein? – Der Mensch versucht also die Hirnfunktionen des Menschen mit einem Hirn eines Menschen zu erklären. Das stellt automatisch die Frage nach der Grenze der Wissenschaft und die Frage nach der Grenze der Erkenntnisfähigkeit des Menschen.

Eine Studie über Nahtoderfahrungen – ein Zufall

Prof. Albert Heim

Der Geologe Albert Heim hielt im Jahre 1892 im Jahrbuch des Schweizer Alpenclubs seine Nahtoderfahrung in Form von „Notizen über den Tod durch Absturz“ fest. Darin schildert er sein eigenes Nahtoderlebnis, das er bei einem Absturz gemacht hatte (siehe Video). Er beschreibt darin, wie sein bisheriges Leben an ihm vorbeizog und wie positiv seine Emotionen dabei waren. Obwohl die Situation lebensbedrohlich war, sei das Erlebnis nicht mit einer Todesangst verbunden gewesen – im Gegenteil, er verspürte einen unbeschreiblichen Frieden und eine angenehme Ruhe. Von diesem Erlebnis angetrieben befragte er weitere Alpinisten, die sich in ähnlichen Situationen befanden, und veröffentlichte seine „Studie“, die 30 Nahtoderfahrungen beschreiben.

Dies war gleichsam das Fundament für die Erforschung der Nahtoderfahrung in den Sechziger und Siebziger Jahren, als die beiden Psychiater Roy Kletti und Russell Noyes Heims Berichte ins Englische übersetzten und in den vereinigten Staaten veröffentlichten. Das war der massgebliche Impuls für die sogenannten „Near-Death-Studies“.

Systematische Erforschung der Nahtoderfahrung

Raymond A. Moody hatte zwar kein Nahtoderlebnis gemacht, wurde aber mit diesem Thema über sein unmittelbares Umfeld konfrontiert und beschloss – ausgehend von den Forschungsbestrebungen von der Schweizer Ärztin Elisabeth Kübler-Ross, eine grösser angelegte Studie zu starten. Er hat daraufhin mit standardisierten Fragebogen Phasen der Nahtoderfahrung erarbeitet. Er kommt damit zu folgenden Katalog an Merkmalen, die eine Nahtoderfahrung ausmachen. Dabei sind nicht alle Elemente erforderlich, zudem ist auch die Reihenfolge nicht immer dieselbe:

Raymond Moody (Quelle: AtlantianMysterySchool)

  1. Die Unbeschreibbarkeit des Erlebnisses (das Ereignis scheint kaum in Worte fassbar zu sein)
  2. Das Hören der Todesnachricht (der Betroffene nimmt wahr, wie Aussenstehende seinen Tod feststellen)
  3. Gefühle von Frieden und Ruhe (trotz der lebensbedrohlichen Situation empfindet der Betroffene ein Gefühl von Zufriedenheit und emotionaler Gelassenheit)
  4. Das Geräusch (der Betroffene nimmt ein nicht selten unangenehmes Geräusch, ein Brummen oder Läuten wahr)
  5. Der dunkle Tunnel (der Sterbende gleitet durch einen dunklen Tunnel oder düsteren Raum)
  6. Das Verlassen des Leibes (der Betroffene tritt aus seinem Körper aus und beobachtet sich selber von oben)
  7. Begegnung mit anderen (der Sterbende begegnet anderen, bereits verstorbenen Menschen oder anderen Personen oder spirituellen Wesen)
  8. Das Lichtwesen (antreffen auf ein äusserst helles oder heller werdendes Licht)
  9. Die Rückschau (filmhaft geraffter Ablauf des bisherigen Lebens)
  10. Die Grenze oder Schranke (der Betroffene tritt an einen gewissen Punkt, an dem er aus verschiedenen Gründen nicht mehr weiter kann oder darf)
  11. Die Umkehr (der Betroffene kehrt wieder zurück in seinen Körper, was häufig widerwillig geschieht)
  12. Mitteilungsversuche (das Ereignis scheint derart intensiv gewesen zu sein, dass ein grosses Bedürfnis besteht, dieses mitzuteilen)
  13. Folgen im Leben (Betroffene beschreiben einen spirituelleren Bezug zu ihrem Leben gewonnen zu haben und einen sinnstiftenden Zweck im Leben finden zu wollen)
  14. Neue Sicht des Todes (In der Regel beschreiben Betroffene, keine Angst mehr vor dem Tod zu haben, wobei jedoch keine Todessehnsucht entstehen würde)
  15. Bestätigung (Beschreibungen von Ereignissen, die die Sterbenden zum Beispiel währen der Reanimation erlebt haben, können von den Ärzten bestätigt werden)

Kenneth Ring, ein amerikanischer Psychologe, untersuchte ebenfalls das Phänomen der Nahtoderfahrung und baut unmittelbar auf Moodys Erkenntnissen auf und führt diese weiter aus:

  • Er betont dabei insbesondere die Nachhaltigkeit der Erlebnisse: die positive Wahrnehmung sei derart intensiv, dass diese Emotion für den Rest des Lebens anhalten würde.
  • Zudem gäbe es keine Hinweise darauf, dass das Erleben einer Nahtoderfahrung von Geschlecht, Rasse, Ausbildung, Alter oder sozialem Status abhängen würde.
  • Auch die religiöse Ausrichtung des Individuums habe keine Rolle gespielt, wie intensiv oder welche Ausprägung die Erfahrung gemacht habe. Atheisten und religiöse Menschen seien gleichermassen von dieser Erfahrung betroffen.
  • Alle Betroffenen seien auch zur Überzeugung gekommen, mit einer übernatürlichen Macht in Berührung gekommen zu sein und einen Blick ins Jenseits erhascht zu haben.
  • Drogen und Medikamente scheinen keinen ausschlaggebenden Faktor zu spielen, Nahtoderfahrungen zu erzeugen. Die Erfahrung falle tendenziell schwächer aus und werde auch vergessen.
  • Es handle sich dabei nicht um Halluzinationen, da diese – entgegen den Nahtoderfahrungen – weitaus diffuser und unkonkreter seien.
  • Selbst unter grössten Schmerzen sei das Sterben als unaussprechlich schön und angenehm empfunden worden.
  • Die Angst vor dem Tod sei für Betroffene kein Thema mehr; Betroffene würden häufig von einem erhöhten Selbstbewusstsein und einer grösseren Sensibilität anderen Menschen gegenüber berichten. Sie hätten weniger Interesse an materiellen Dingen bekommen und würden sich vermehr spirituell und verlagerten auch entsprechend ihren Lebensmittelpunkt und ihr Verhältnis zu ihrem eigenen Leben.

Der deutsche Soziologe Hubert Knoblauch hat in seiner auf den deutschsprachigen Raum ausgelegten Untersuchung ein relativ breites Feld der „Todesnähe“ untersucht. Mit Einschränkungen werden von ihm auch Phänomene aufgegriffen, die Ahnungen über mögliche Todesfälle miteinschliessen. Dabei hat er insbesondere untersucht, inwiefern sich kulturelle Aspekte auf die Art von Visionen auswirken können. Dies ist sein grundlegendes Anliegen, das Phänomen der Nahtoderfahrung in einen kulturellen Kontext einzubinden. Er geht insbesondere davon aus, dass Nahtoderfahrungen ein “soziales Konstrukt” sind; es kann also nicht darum gehen, eine NTE aus wissenschaftlicher Sicht auf ihre Wahrheit überprüfen zu wollen. Dies ist aus seiner Perspektive unmöglich.

Eine Nahtoderfahrung ist eine ausschliesslich persönliche Erfahrung. Eindrücke und Interpretationen davon sind demnach ebenfalls subjektiv; der Zugang dazu bewegt sich in diesem Falle auch nur in diesem Rahmen und kann gewissermassen von niemandem nachempfunden oder nacherlebt werden. Jede Person hat damit auch ein eigenes Verständnis vom Thema und pflegt auch einen eigenen Umgang mit dem Tod – sei es der eigene oder derjenige der anderen. Dieser Umgang mit dem Tod steht dabei im Fokus: Was sagt der Umgang mit Nahtoderfahrungen (Thematisierung durch Betroffene, Aufbereitung in den Medien, gesellschaftliche Debatten darüber, etc.) über den Umgang mit dem Tod in der Gesellschaft aus? Was bedeutet der Tod innerhalb einer Gemeinschaft? Hat sich diese Bedeutung über die Geschichte hinweg verändert?

Eine Geschichte des Todes

Im Hinblick auf den geschichtlichen Aspekt ist man einer Meinung, dass der Tod in den letzten paar Jahrzehnten mehr und mehr tabuisiert worden ist. Der Tod wurde quasi mehr und mehr aus dem Leben ausgelagert; gestorben wurde nicht mehr innerhalb der eigenen vier Wände, sondern im Krankenhaus. Knoblauch möchte diesbezüglich in den letzen paar Jahren eine Trendwende beobachten: Der Tod wird immer mehr offen thematisiert, immer mehr Publikationen erscheinen zu diesem Thema, die Medien beschäftigen sich vermehrt damit. Knoblauch spricht von einer “Popularisierung des Todes”, die mit einer “Popularisierung der Religion” einher geht. Der subjektive Zugang zur Religion steht nunmehr im Zentrum.

Nahtoderfahrung als Phänomen

Das Phänomen der Nahtoderfahrung wird also aus unterschiedlichsten Blickwinkeln erörtert: von rein religiösen Erklärungen über medizinisch-psychologische Beurteilungen bis hin zu gesemtgeselleschaftlichen Perspektiven scheint gerade diese Vielfalt immer wieder für Verwirrung zu sorgen. Aus diesem Grund ist es wichtig zu wissen, wer unter welcher Voraussetzung eine Aussage macht, eine Studie publiziert und was er damit bezweckt. Nicht selten werden Nahtoderfahrungen auch in einen esoterischen Kontext gebracht, womit auch mit dem Verkauf von Büchern und weiteren Artikeln ein lukratives Geschäft gemacht wird.

Das vorliegende Forschungsprojekt

Die hier im Rahmen des Forschungsprojekts erstellte Website beschäftigt sich mit der neutralen Sichtweise auf das Phänomen der Nahtoderfahrung. Es ist ein Anliegen, die Berichte der Betroffenen ernst zu nehmen und keine fest gelegte Interpration vorzugeben. Im Zentrum steht der Betroffen und sein Erlebnis, wobei dessen Hintergrund und die Umstände des Erlebnisses ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Ziel ist es, ein besseres Bild über die Nahtoderlebnisse Betroffener in der Schweiz zu bekommen.